Ich will mehr!

Über unersättlichen Konsum und kapitalistische Wirtschaft

von Christina Vaccaro

Schauplatz: eigenes Zimmer. Falls du zufällig gerade an deinem Schreibtisch sitzt und diesen Artikel liest – schau dich bitte einmal um. Wie viele Gegenstände tummeln sich rund um dich? Zähle alles: Laptop, Maus, Soundanlage, Handy, CDs, DVDs, Computerspiele, Bücher, Schreibunterlagen, Papier, Lampen, Stühle, Tisch, Regale, Vorhänge, Poster, Bett … dann weiter zum Kleiderschrank. Öffnen. Wie viele Kleidungsstücke besitzt du? Wie alt sind sie? Wie oft trägst du sie im Durchschnitt, bevor sie im Müll – oder besser: im Caritas-Container bzw. Second-Hand-Shop landen?

Jeder Gegenstand benötigt für seine Herstellung, seinen Transport und teilweise auch seine Wartung Energie. Energie in Form von Rohstoffen – den Ausgangsmaterialien selbst –, sowie für die Gewinnung von Rohstoffen und deren Verarbeitung in Form von Strom, Wasser, Druck und auch in Form von menschlichen Arbeitsstunden. Durch die konsumdominierte westliche Lebensweise, in der wir uns befinden, werden Unmengen an Energie verbraucht und die Umwelt belastet. Glücklicher werden die meisten dadurch nicht. Zeit sich zu fragen: Was brauchen wir eigentlich?

Materieller Luxus und soziale Armut

Wir alle brauchen zum Leben ein gewisses Repertoire an Grundgegenständen, die wir als Minimalanforderungen betrachten– einen Schlafplatz, Schul-, Arbeitsunterlagen, Hygieneeinrichtungen, Kleidung, etc. In Industriestaaten leben wir seit langem über diesen Anforderungen – wir leben in einer so genannten Wohlstandsgesellschaft mit allen Vor- und Nachteilen. Und wir leben gleichzeitig in einer Konsumgesellschaft, die sich dadurch auszeichnet, dass wir niemals genug haben: Irgendwann ist mein Kleiderschrank so gefüllt, dass ich gut ausgerüstet bin – für jegliches Wetter, fürs Ausgehen, für Sport, für feierliche Anlässe und für den Alltag. Irgendwann habe ich einen Laptop, ein Handy, einen iPod, eine Wii, einen Fernseher… Doch kaum haben wir uns etwas gekauft, gibt es etwas Neueres, etwas Schöneres. Deshalb geht kapitalistische Wirtschaft einfach weiter.

Und zwar zum wahnwitzigen Überfluss. Zur Unersättlichkeit, zur schieren Übertreibung, zur absoluten Maßlosigkeit.
Lebenszeit von Geräten? Wo kommt der Stoff meiner Kleidung her? Wie sind die Arbeitsbedingungen jener Menschen, die sie produzieren? Welche Substanzen befinden sich in Kosmetika? Woher stammen die unterschiedlichen Teile in meinem Laptop? Weiß ich, dass darin mit halogenierten Flammschutzmittel versehene Kunststoffteile stecken?

Das interessiert doch niemanden bzw. möchten viele nichts davon hören- es ist anstrengend und am Ende ohnehin nur frustrierend. Wer will das schon? Eine Konsumgesellschaft wie die unsrige sicher nicht.

Einfach immer schön einkaufen. Etwas länger als drei Jahre zu besitzen ist ohnehin furchtbar langweilig und uncool. Fortschreitende Technologien bringen monatlich neue, verbesserte Produkte auf den Markt. Die ich haben muss.

Es stellt sich die Frage: Weshalb kaufen wir so viele Dinge ein, die wir eigentlich gar nicht brauchen? Ein wichtiger Teil der Antwort lautet: Wir kaufen diese Art von Gegenstand nicht, um des Gegenstands willens. Wir kaufen ihn, um all die zusätzlichen psychischen und gesellschaftlichen Effekte genießen zu können. Wir sind beispielsweise gestresst und suchen Entspannung. Oder wir sind gelangweilt, und suchen Beschäftigung. Wir kompensieren – wir sind frustriert, demotiviert, unausgeglichen. Die Werbung verspricht uns schnelle Lösung.

Wenn Shopping zum Hobby wird, wird Nachhaltigkeit zur Illusion. So oft wird seitens der konventionellen Wirtschaft oder konservativer Politik das Argument genannt, ökologisch-nachhaltige Lebensweise sei nicht mit Wirtschaft vereinbar. Verzeihung, irre ich mich, oder hätten wir nicht genug zu tun? Gibt es nicht genügend Leid und Missstände, die jede Person mit Empathievermögen gerne bekämpfen würde?

Energie-Revolution, globale Gerechtigkeit und Chancengleichheit, Bildung, Gesundheit, Demokratie-Partizipation – sind das nicht, um nur einige Schlagwörter zu nennen – Aufgabenbereiche, die auch in der Wirtschaft liegen?

Fortschritt und Lebensqualität– ob wirtschaftlich, technologisch oder sozial – muss von der Quantität materieller Produkte entkoppelt werden, hin zu qualitativen Einrichtungen für Mensch und Umwelt. Die Entwicklung innovativer Konzepte muss auf ökologische Verträglichkeit und nicht auf kurzsichtige Profit-Gier abzielen.

Die Macht der Konsument_innen

Genau hier kommen du und ich ins Spiel. Wir sind Konsument_innen – und wir sind NICHT hilflos. Weder sind wir den politischen Entscheidungen von gewählten Machtträger_innen ausgeliefert, noch wirtschaftlichen Entwicklungen. Denn wir als Gesamtheit bestimmen, in welche Richtung es geht. Durch unsere täglichen Entscheidungen welchen Produkten und welchen Unternehmen wir unsere finanzielle Förderung zugute kommen lassen, zeichnen wir der Wirtschaft vor, welchen Weg sie gehen muss.

Eine Einzelperson geht klarerweise unter. Doch wir sind viele – und wir sind es jeden Tag: Konsument_innen. Von Lebensmitteln über Kleidung, unserem Stromanbieter, Arbeits- und Freizeitartikel bis zu den Verkehrsmitteln – wir konsumieren. Wir entscheiden mit. Und wir können uns vernetzen und organisieren. Nicht nur durch unsere Kaufentscheidungen, auch durch politische Aktionen können Aufmerksamkeit erreicht und Unternehmen zum Handeln bewegt werden.

Es ist entscheidend, ökologisches Bewusstsein auch durch Taten und Handlungen auszuleben. Umso mehr Menschen beginnen, ihre eigene Verantwortung für gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wahrzunehmen und zu begreifen, desto eher werden wir als Menschheit zu einem verantwortungs- und respektvolleren Umgang mit der Natur und der Erde finden. Und zu mehr Mitmenschlichkeit.

Autorin: Christina ist bei den Jungen Grüne Vorarlberg aktiv.

Share |